"Die Zukunft der Logistik - Herausforderungen und Lösungen"
Mega-Metropolen am Rande des Verkehrsinfarkts und gewaltige Umweltprobleme - wo könnte man die Zukunft pointierter zeigen als im Epizentrum des chinesischen Wirtschaftswunders: Shanghai. Im Kampf gegen das Zusammenbrechen städtischer Strukturen und die zunehmende Umweltverschmutzung sehen Logistikexperten die Lösung in Innovation und Kooperation sowie in der grundsätzlichen Bereitschaft, etwas verändern zu wollen.
Wirtschafts- und Umweltexperten* diskutierten über die Herausforderungen durch Megacities und den Klimawandel.
Die Entscheidung, die Expo 2010 nach Shanghai zu vergeben, war ausgesprochen passend: Die Mischung aus High Tech und Überbevölkerung macht die chinesische Metropole zu einem Musterbeispiel dafür, was die Menschheit in Zukunft erwarten könnte. Aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass im Jahr 2030 drei Fünftel aller Stadtbewohner in sogenannten Megacities leben werden, also in Städten mit über 10 Millionen Einwohnern - mit allen umwelttechnischen und logistischen Implikationen. Allein die Kernstadt von Shanghai beherbergt schon heute rund 13,5 Millionen Einwohner.
"Straße der Lösungen"
Der Urban Planet Pavillon der Expo, den Deutsche Post DHL als Hauptsponsor unterstützte, zeigte deutlich, dass ausufernde Großstädte und globale Erwärmung aktuelle Probleme sind, deren sich die Menschheit heute annehmen muss, um ihre Folgen nicht der nächsten Generation zu hinterlassen. Bei einem Rundgang durch die Ausstellung des Pavillons konnte man schnell feststellen, dass man nicht nur auf dem "Weg in die Krise" war, sondern auch die "Straße der Lösungen" abschritt. Die Botschaft der Expo 2010: Wir können die Zukunft retten, aber wir müssen heute damit beginnen.
Am 14. Oktober 2010 trafen sich auf Einladung von Deutsche Post DHL führende Logistiker und Experten anderer Fachrichtungen zu einem Delphi Dialog in Shanghai, um über die Herausforderungen durch Megacities und Klimawandel zu diskutieren. Im Rahmen der zweiteiligen Veranstaltung am historischen Ufer des Huangpu stellte der weltweit führende Logistikdienstleister auch seine neueste Studie vor - Titel: "Delivering Tomorrow: Zukunftstrend Nachhaltige Logistik".
Energieffizienz: "Wir gewinnen alle"
Trevor Houser kennt die politischen Schwierigkeiten bei der Verhandlung von Klimazielen. Der Direktor der Praxisgruppe "Energy and Climate" des Beratungsunternehmens Rhodium Group begleitete unter anderem den Sonderbotschafter der US-Regierung für Klimafragen und erlebte so die Verhandlungen auf dem Klimagipfel in Kopenhagen aus nächster Nähe. In seiner Rede stellte Houser alternative Strategien zur Bekämpfung des Klimawandels vor und konstatierte: "Die Unterstützung der privaten Wirtschaft ist entscheidend bei der Suche nach praktikablen Lösungen."
Allerdings gibt es keine dieser Lösungen zum Nulltarif. Darin waren sich Wissenschaftler und DHL-Experten auf dem Podium des anschließenden Dialogs über die "Ökologische Verantwortung weltweit agierender Unternehmen" einig. Steuern auf den CO2-Ausstoß oder steigende Ölpreise etwa seien auch deshalb ungerecht, weil sie wirtschaftlichen Fortschritt genau dort verhinderten, wo er am dringendsten gebraucht werde: in den Entwicklungsländern. Schwieriger in der Umsetzung - aber sinnvoller im Ziel - seien spezifischere Ideen wie etwa die Darstellung eines realen "CO2-Preises" von Produkten. Die Teilnehmer der Diskussionsrunde sehen darin den einzigen Weg, dem Kunden wieder das Heft der Entscheidung in die Hand zu geben. Damit könne der Markt genau dort Lösungen finden, wo die Regierungen versagt hätten.
Nachhaltigkeit ist Bestandteil der Unternehmensstrategie des Konzerns
"Logistiker haben ganz grundsätzlich eine besondere Verantwortung für unsere Umwelt", erläuterte Frank Appel, der Vorstandsvorsitzende von Deutsche Post DHL. Dass der Bonner Konzern dieser Verantwortung nachkommt, zeigt eine aktuelle Studie des Carbon Disclosure Project der Weltbank, die Deutsche Post DHL als umweltfreundlichsten Logistiker der Welt bewertet. Das ist kein Zufall: Nachhaltigkeit ist bereits seit mehreren Jahren ein integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie des Konzerns.
Neben der Verantwortung sorge die wachsende Aufmerksamkeit für Nachhaltigkeitsthemen aber auch dafür, dass sich das Geschäft deutlich wandle, so Appel. "Die höchsten Wachstumsraten erzielen wir mit unseren CO2-neutralen GoGreen-Produkten: Heute verkaufen wir davon fünf Mal so viel wie noch vor einem Jahr", berichtete Appel. "Das ist besonders ermutigend, weil es uns zeigt, dass Kunden bereit sind, für nachhaltige Logistik zu zahlen."
"Mit unserem Ansatz, unsere eigenen Klimaziele zu kommunizieren und gleichzeitig Produktlinien wie GoGreen auf den Markt zu bringen, haben wir unsere Wettbewerber unter Zugzwang gesetzt", sagte der Vorstandschef von Deutsche Post DHL und ergänzte: "Darüber hinaus haben die Klimaziele auch einen ganz konkreten Vorteil: Wenn wir unsere Treibstoffe intelligenter und effizienter einsetzen, spart uns das viel Geld. So gewinnen wir alle."
Wer ist für die CO2-Bilanz eines Produkts verantwortlich?
In Shanghai zeichnete Appel das Bild eines gemeinsamen Kampfes der weltgrößten Unternehmen gegen den Klimawandel, der nicht nur in den Firmen stattfinde, sondern auch die Mitarbeiter dazu ermutige, ihr Privatleben nachhaltiger zu gestalten. Robert de Souza, der Direktor des Logistics Institutes in Singapur, ergänzte, dass nicht nur Wettbewerber ihre Ideen zur Verringerung von Umweltbelastungen teilen sollten. Er stelle sich vielmehr eine große Koalition aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft vor, um wirklich nachhaltige Lösungen zu entwickeln, so de Souza.
Wichtige Fragen müssten dafür jedoch bereits im Vorfeld beantwortet werden, erklärte Kelvin Leung, CEO der DHL Global Forwarding North Asia Pacific: "Hersteller, Logistiker oder Verbraucher: Wer ist für die CO2-Bilanz eines Produkts verantwortlich? Und wer muss sie bezahlen?" Die weiterhin offene Antwort mache klar, so Leung, dass bei den Themen CO2-Bilanzierung und CO2-Ausgleich noch erheblicher Professionalisierungsbedarf bestehe.
Für Frank Appel ist der Kampf gegen den Klimawandel aber nicht notwendigerweise mit Nachteilen für die Anleger verbunden. "Ich sehe den Klimawandel nicht nur als Bedrohung, sondern auch als eine unternehmerische Herausforderung", sagte Appel. "Schließlich verhilft er uns zu einem Wettbewerbsvorteil, wenn wir grüne Produkte herstellen, unseren ökologischen Fußabdruck verringern und unsere Wettbewerbsfähigkeit steigern. Und ganz nebenbei werden wir damit auch attraktiver für die Investoren."
Frische Luft für erstickende Städte
"Die CO2-Bilanz der Stadt Tokio allein ist schon eineinhalb Mal so hoch wie die des restlichen Japans", erklärte Johannes Dell, Städteplaner und Partner des bekannten Frankfurter Architekturbüros Albert Speer & Partner, in seinem Eröffnungsstatement zur Podiumsdiskussion "Herausforderungen für die Logistik in Megacities". Wesentliche Verursacher sind die riesigen Staus, die den modernen Mega-Metropolen die Luft zum Atmen nehmen. Dass Verkehrsteilnehmer in London heute durchschnittlich langsamer vorankommen als zu Zeiten der Pferdekutschen zeige deutlich, wie überlastet unsere Städte seien, erläuterte Paul Graham, CEO von DHL Supply Chain Asia Pacific.
Im Rahmen seines Vortrags stellte er praktische Lösungen vor, wie zum Beispiel die DHL-Consolidation Centers am Flughafen London Heathrow und in der Stadt Bristol. In beiden Zentren werden eingehende Warenströme gebündelt und die einzelnen Waren kapazitäts- und zeitoptimiert an Kunden ausgeliefert. Damit verringern beide Zentren die Notwendigkeit von permanenten Kleinstlieferungen und vermeiden die Überlastung der bestehenden Infrastruktur. Gleichzeitig wird so auch die CO2-Belastung reduziert.
Solche und ähnlich innovative Ansätze jenseits ausgetretener Pfade sind gefragt, wenn man den permanent steigenden Anforderungen der Kunden an Logistiker in den immer überlasteteren Megacities begegnen will. Die so entstehenden Ideen und Dienstleistungen könnten die Arbeit der vom starken Wettbewerb geprägten Logistikbranche nachhaltig verändern. Ohne Zweifel eine große Herausforderung, aber gleichzeitig eine bemerkenswerte Chance. Oder, wie Petra Kiwitt, Executive Vice President DHL Solutions & Innovations bei Deutsche Post DHL, feststellte: "Für Logistikunternehme wie Deutsche Post DHL bieten Megacities viele faszinierende Möglichkeiten."
Nutzung öffentlicher Transportmittel für kleinere Lieferungen
Paul Graham und Petra Kiwitt verdeutlichten ebenfalls die wichtige Rolle, die der Technologie bei dieser Entwicklung zukommt. Nächtliche Lieferungen mit Elektro-LKWs könnten das Verkehrsaufkommen am Tag verringern und gleichzeitig die Emissionen reduzieren. Intelligente LKWs könnten Verkehrsleitsysteme nutzen, um Staus zu umfahren. Auch die Nutzung öffentlicher Transportmittel für kleinere Lieferungen könnte die Verkehrslast auf den Straßen verringern. Und so genannte "bring buddies", also ganz normale Leute, die dank der Koordination durch soziale Medien und mobile Kommunikation einen Teil der Logistikkette für Freunde und Bekannte übernehmen, könnten die Logistik ebenso verändern wie es die Laienjournalisten des Web 2.0 mit den etablierten Medien vorgemacht haben.
Viele Megacities müssten heute vor allem mit historisch gewachsenen Infrastrukturen zurechtkommen - und genau darin lägen heute die größten Herausforderungen, erklärte Städteplaner Johannes Dell. Der Personentransport stehe dabei an erster Stelle, denn die meisten Metropolen hätten kein klares Konzept für den stetig wachsenden Individualverkehr. Prof. Dr. Yeung Yue-Man, emeritierter Professor für Geographie an der chinesischen Universität Hongkong und ein Experte für Stadtentwicklung, zeigte aber am - positiven - Beispiel Hongkongs, wie eine Lösung aussehen könnte: "Keine andere Mega-Metropole der Welt hat ein so gut geplantes, effizientes und bezahlbares öffentliches Transportnetz."
Und dieses Netz wird im Übrigen nicht nur von Pendlern genutzt, sondern auch für die Logistik: DHL-Kuriere in Hongkong verwenden die U-Bahn als schnelle Alternative, um pünktlich zu liefern. Eine kluge Wahl, wie Jerry Hsu, Präsident von DHL Express Greater China feststellt, denn die Anforderungen an Schnelligkeit sind hoch: "Die Menschen haben wenig Geduld mit uns. Wir sind im Express-Geschäft tätig. Und das bedeutet, dass wir auch im Express-Tempo liefern müssen."
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- Von links: Trevor Houser (Director, Energy & Climate Practice, RHG and Visiting Fellow, Peterson Institute for International Economics), Frank Appel (Vorstandsvorsitzender Deutsche Post DHL), Robert de Souza (Executive Director, The Logistics Institute - Asia Pacific), Kelvin Leung (CEO North Asia Pacific, DHL Global Forwarding), Moderatorin Karen Tso (CNBC Asia Pacific)