"Über Grenzen hinaus denken"
Deutsche Post DHL veröffentlicht die Zukunftsstudie "Delivering Tomorrow - Logistik 2050". Sie beschreibt in fünf Zukunftsbildern den möglichen Zustand der Welt im Jahr 2050 und beleuchtet die aus den fünf Szenarien entstehenden Implikationen für die Logistikindustrie. Im Interview erklärt Konzernchef Frank Appel, wie die Studie entstanden ist und warum es für den weltweit führenden Post- und Logistikkonzern so wichtig ist, sich schon heute mit den Herausforderungen von morgen zu beschäftigen.
Frank Appel im Interview
Herr Appel, im Jahr 2050 sind Ihre Kinder ungefähr so alt wie Sie heute. In was für einer Welt werden sie dann leben?
Appel: Ich hoffe in einer lebenswerten Welt. Niemand weiß heute auch nur annähernd, wie diese genau aussehen könnte. Alleine angesichts der Innovationen, die bereits heute in den unterschiedlichsten Bereichen absehbar erscheinen, ist es aber sicher, dass sich der Alltag der Menschen im Jahr 2050 deutlich vom Hier und Jetzt unterscheiden wird. Ob es bis dahin aber gelungen sein wird, die zentralen Probleme wie den Klimawandel in den Griff zu bekommen, das hängt vor allem davon ab, wie gut es der Politik, den Unternehmen und der Gesellschaft insgesamt in den kommenden Jahren gelingt, bei der Bewältigung der globalen Herausforderungen unserer Zeit zusammenzuarbeiten.
Wir alle müssen uns der Verantwortung bewusst sein, dass wir es sind, die heute die Weichen für morgen und übermorgen stellen. Wie stark der Einfluss dieser Weichenstellungen sein kann, das zeigt die neue Studie auf besonders eindrucksvolle, an der ein oder anderen Stelle auch sehr drastische Weise.
Mit der Studie blicken Sie 40 Jahre in die Zukunft und damit weit über den üblichen Planungshorizont eines Konzerns hinaus. Warum?
Appel: In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Tempo des Wandels in Wirtschaft und Gesellschaft stark beschleunigt. Die Komplexität unseres Umfelds ist drastisch gestiegen, präzise Prognosen sind unmöglich. Ein gestiegener Grad an Unsicherheit gehört heute einfach zu unserem Leben dazu, das müssen wir akzeptieren. Daher ist es wichtiger denn je, auf das Unvorhersehbare vorbereitet zu sein - nicht nur in unserer Branche, sondern in allen Bereichen der Wirtschaft. Eine tiefgehende Auseinandersetzung mit den zentralen Zukunftsfragen ist daher - für Unternehmen, aber auch für jeden einzelnen - von unschätzbarem Wert.
Das ist nicht das erste mal, dass Sie sich mit der Zukunft beschäftigen ...
Appel: In der Tat. In den zwei Vorgängerstudien haben wir uns mit den Kundenerwartungen im Jahr 2020 und den Trends hin zu einer nachhaltigeren Logistik beschäftigt. Es gehört einfach zu unserem Selbstverständnis als führender Anbieter einer globalen Schlüsselbranche, sich mit relevanten Zukunftsthemen zu befassen. Wir wollen uns nicht von Entwicklungen und Trends überraschen lassen, sondern die Zukunft aktiv mitgestalten. Deshalb möchten wir kontinuierlich Impulse und Denkanstöße für den gesellschaftlichen Diskurs liefern und den Dialog über die Kernthemen, die unsere Welt heute und in den nächsten Jahrzehnten bewegen, maßgeblich vorantreiben.
Was ist das Besondere an dieser Studie?
Appel: Zunächst einmal der große Kreis hochkarätiger Experten aus den verschiedensten Disziplinen und unterschiedlichster Nationalitäten, die daran mitgewirkt haben. Dann die Methodik: In unserer volatilen, vernetzten Welt haben sich traditionelle lineare Analyse- und Prognoseverfahren immer wieder als falsch erwiesen. Deshalb haben wir in diesem Fall die Szenariotechnik angewendet. Ausgangspunkt für die Entwicklung der alternativen Zukunftsbilder ist dabei eine tiefgehende Betrachtung und Verknüpfung von Schlüsselfaktoren zu den Trends, die die Welt in den kommenden Jahrzehnten am stärksten prägen werden.
Auf diese Weise können mögliche Entwicklungslinien sehr konkret greifbar und mehrere komplexe Visionen der Zukunft systematisch identifiziert werden. Die Studie lädt damit zu einer spannenden, teils auch überraschenden und radikalen Reise in die Zukunft ein, die - da bin ich mir sicher - in jedem Fall den Horizont der Leser erweitern wird.
Das Ergebnis der Studie sind fünf grundverschiedene Szenarien. Welches Bild von der Zukunft gefällt Ihnen am besten?
Appel: Natürlich wäre es schön, wenn man sich aussuchen könnte, wie die Zukunft idealerweise auszusehen hätte. Wir können aber lediglich versuchen, den Lauf der Dinge ein Stück weit zu beeinflussen. Und genau deshalb ist diese Studie so wichtig: Nur wenn wir die unterschiedlichen Perspektiven kennen, können wir verantwortungsvolle Entscheidungen treffen, die unsere Welt von morgen prägen.
Ich persönlich halte einen Zustand der Welt für erstrebenswert, in dem der Kampf gegen den Klimawandel gewonnen wäre und sich auf globaler Ebene tatsächlich nachhaltiges Wirtschaften durchgesetzt hätte. Zugleich sollte ein Rückfall in Protektionismus und Nationalismus, wie er in einem der Szenarien beschrieben wird, aus wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Gründen unbedingt vermieden werden.
Was ist aus der Sicht des weltgrößten Logistikunternehmens die wichtigste Erkenntnis der Zukunftsstudie?
Appel: Die Szenarien geben uns die Möglichkeit, Trends besser einzuschätzen und zu antizipieren, wohin sie uns führen könnten. Insgesamt zeigt die Studie deutlich, dass sich die Rolle der Logistik in den nächsten Jahrzehnten stark verändern wird. Das gilt für alle beschriebenen Szenarien. Allen gemeinsam ist zugleich aber auch eine für unsere Branche sehr erfreuliche Botschaft: Der Bedarf an Logistikdienstleistungen wird in nahezu allen Fällen steigen - bei, je nach Szenario, stark voneinander abweichenden Rahmenbedingungen und konkreten Anforderungen.
Was nehmen Sie aus der Studie für Ihre Arbeit und Planung als Konzernchef mit?
Appel: Machen wir uns nichts vor: Keines der in der Studie beschriebenen Szenarien wird genau so eintreten. Wir werden vielmehr verschiedene Facetten unterschiedlicher Zukunftsbilder nebeneinander sehen. Das Wissen um diese Grenzen sollte uns aber nicht daran hindern, die Ergebnisse in unsere Überlegungen einzubeziehen und über solche Grenzen hinaus zu denken. Gleichzeitig darf man aber auch nicht den Fehler begehen, nun konkrete Pläne für jedes Szenario anfertigen und in die Schublade legen zu wollen. Vielmehr werden wir durch die Ergebnisse der Studie sensibilisiert für Veränderungen in unserem Umfeld und dafür, was sie mit Blick auf die fernere Zukunft bedeuten könnten. Das wird uns dabei helfen, die Weichen für die Zukunft richtig zu stellen.
Darüber hinaus wird unser Innovation Team, das unsere Logistiklösungen von morgen entwickelt, die Ergebnisse der Studie auswerten. Wir wollen schließlich nicht nur die Entwicklung der Logistik vordenken, sondern auch künftig Innovationsführer in unserer Branche bleiben. Schon allein aus diesem Grund wird Deutsche Post DHL auch weiterhin immer wieder versuchen, etwas Licht in die Black Box zu bringen, die wir Zukunft nennen.