"Wir wollen Arbeitsplätze sichern"
Interview mit Jürgen Gerdes, Vorstand BRIEF der Deutschen Post DHL
Bonn, 23.07.2009
Deutsche Post DHL News: Herr Gerdes, schlafen Sie angesichts der aktuellen Entwicklungen Ihrer Geschäfte noch gut?
Jürgen Gerdes: Warum sollte ich nicht?
Deutsche Post DHL News: Der Briefbereich, nach wie vor das margenträchtigste Geschäft im Konzern, hat deutliche Einbrüche zu verzeichnen!
Jürgen Gerdes: Das stimmt, aber mein Job ist es, solche Probleme zu lösen und daran arbeiten wir. Diese Herausforderung lähmt uns nicht, im Gegenteil. Aktuell hat besonders die Wirtschaftskrise einen großen Einfluss auf Umsatz und Gewinn des Briefbereichs. Das lässt sich am Beispiel des Dialog Marketing gut aufzeigen: Letztes Jahr gaben die Unternehmen in Deutschland rund 30 Mrd. Euro für Dialog Marketing-Medien aus – das sind fünf Prozent weniger als 2007. Und die Spirale geht derzeit noch weiter nach unten. Im ersten Halbjahr 2009 ist die Zahl der Werbesendungen um über acht Prozent gesunken und damit sinkt der Umsatz. Die Kosten für Personal, Maschinen oder Fahrzeuge dagegen steigen stetig. Also bleibt weniger Gewinn übrig.
Deutsche Post DHL News: Gleichzeitig wächst die Konkurrenz durch E-Mails, SMS und Mobiltelefone ständig. Ist der klassische Brief bald tot?
Jürgen Gerdes: Sicher nicht, zumindest nicht in den nächsten Jahrzehnten. Aber die Substitution des klassischen Briefs durch die E-mail wirkt sich natürlich aus. Der Briefmarkt in Deutschland schrumpft jährlich um etwa zwei Prozent, und dafür ist vor allem die digitale Kommunikation verantwortlich. Das ist eine Herausforderung für alle Briefdienstleister, nicht nur für uns.
Deutsche Post DHL News: Der Kuchen wird kleiner, und den müssen Sie sich auch noch mit Wettbewerbern teilen…
Jürgen Gerdes: Wir haben einen vollständig liberalisierten Markt und der Wettbewerb nimmt zu, keine Frage, aber wir sind immer noch der Marktführer. Unser Anteil am Kuchen betrug 2008 noch satte 88 Prozent. Unsere Kunden wissen offenbar genau, dass in puncto Flächendeckung, Zuverlässigkeit und Qualität kein Weg an der Deutschen Post vorbei führt. Und Sie können sicher sein, dass wir diesen Anteil nicht leichtfertig aufs Spiel setzen werden.
Deutsche Post DHL News: Aber tun Sie nicht genau das, schaden Sie nicht der Qualität, wenn Sie derzeit montags viele Briefträger zu Hause lassen und Briefzentren schließen?
Jürgen Gerdes: Die schlichte Wahrheit ist: In den Sommermonaten gibt es einfach weniger Briefe zu sortieren und zu verteilen. Da macht es wenig Sinn, das Netzwerk mit voller Kraft zu fahren. Deshalb fällt in 15 der 82 Briefverteilzentren montags je eine Schicht weg – und wir schicken montags entsprechend weniger Zusteller raus. In der Ferienzeit geht das ohne Einbußen in der Qualität. Die ersten Wochenenden mit Sommermaßnahmen haben das bestätigt. Sie sind gut gelaufen und unsere Kunden waren zufrieden
Deutsche Post DHL News: Das leuchtet kurzfristig ein, aber wie wollen Sie denn angesichts auch in Zukunft sinkender Briefzahlen reagieren, wenn die Sommermonate vorbei sind?
Jürgen Gerdes: Unabhängig von der aktuellen Wirtschaftskrise ist der Rückgang von Sendungsvolumina im Briefgeschäft auf Dauer nicht aufzuhalten. Es wäre verantwortungslos, das zu ignorieren und einfach abzuwarten. Wir müssen jetzt handeln und die richtigen Maßnahmen ergreifen, damit unsere Mitarbeiter einen sicheren Arbeitsplatz behalten. Dazu brauchen wir die Unterstützung und das Verständnis der Mitarbeiter und der Gewerkschaften, gerade bei schmerzlichen, aber aus unserer Sicht notwendigen Einschnitten wie einer Arbeitszeitverlängerung oder einer Verschiebung der geplanten Lohnerhöhung.
Deutsche Post DHL News: Also werden diese Maßnahmen letztlich auf dem Rücken der Mitarbeiter ausgetragen?
Jürgen Gerdes: Wir müssen Kosten senken und das tragen wir eben nicht einfach auf dem Rücken der Mitarbeiter aus. Alle Kosten stehen auf dem Prüfstand, ob in Betrieb, Vertrieb, Filialen, Marketing oder IT bis hin zu den Gehältern von Führungskräften. Unsere Mitarbeiter machen einen tollen Job und arbeiten hart. Sie sind Garanten für unsere einmalige Servicequalität. Daher wollen wir dauerhaft ihre Arbeitsplätze sichern und keinem in die Tasche greifen.
Deutsche Post DHL News: Allein mit Einsparungen auf der Kostenseite werden Sie den Gewinn dennoch nicht halten können?
Jürgen Gerdes: Stimmt genau. Aber wir haben viele „ausgeschlafene“ Leute mit tollen Ideen in unseren Reihen. In Zeiten rückläufiger physischer Sendungen müssen wir uns weiter entwickeln. Darum werden wir in den kommenden Jahren in neue Produkte und Services investieren. Jetzt aus Sparsamkeit und Kostengründen auf Investitionen zu verzichten, wäre fatal.
Deutsche Post DHL News: Was haben wir zu erwarten?
Jürgen Gerdes: Einige neue Produkte mit Perspektive wie das Handyporto oder den Plusbrief individuell gibt es bereits. Ein wegweisendes neues Produkt der Zukunft ist der “Brief im Internet“. Damit verbinden wir klassische und digitale Kommunikation. Der registrierte Kunde wird die Möglichkeit haben, einen Brief am Computer oder über Handy zu schreiben und wir stellen ihn elektronisch sicher zu. Oder wenn der Empfänger nicht vernetzt ist, drucken wir ihn aus und stellen ihn physisch zu. Damit wollen wir die Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit, die man mit der Post verbindet, auch ins Internet transferieren.
Deutsche Post DHL News: Damit kannibalisieren Sie doch Ihr eigenes Geschäft?
Jürgen Gerdes: Nur auf den ersten Blick. Tatsache ist, wenn wir nicht in diesem Feld aktiv werden, dann machen es andere. Wir können den historischen Wandel auf dem Briefmarkt nicht aufhalten. Aber wir bereiten uns darauf vor und packen die aktuellen Probleme an. Wir haben eine klare Strategie, die mit innovativen neuen Produkten und den bestehenden Stärken des klassischen Briefes dafür sorgen wird, dass der Briefbereich stark bleibt – das heißt nicht nur kundenfreundlich, sondern auch, umsatz- und renditestark.