"Unser Wachstumstrend ist intakt"
Der Konzern Deutsche Post DHL hat heute seine Geschäftszahlen für das zweite Quartal 2012 vorgelegt. Der Umsatz ist gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen und auch bei der Profitabilität verzeichnete das Unternehmen - bereinigt um positive wie negative Einmaleffekte - weitere Fortschritte. Beide Konzernsäulen haben ihre positive Entwicklung fortgesetzt, wobei die DHL-Bereiche auch weiterhin Wachstumstreiber des Konzerns sind. Im Gespräch kommentiert Finanzvorstand Larry Rosen die Geschäftszahlen des zweiten Quartals 2012, erklärt die im Quartal angefallenen Einmaleffekte und erläutert die angepasste Gewinnprognose des Konzerns.
Herr Rosen, die ersten sechs Monate des Jahres sind um. Wie ist das Geschäft bislang gelaufen?
Larry Rosen: Wir sind mit dem bisherigen Geschäftsverlauf 2012 sehr zufrieden. Trotz eines verhaltenen konjunkturellen Umfelds haben wir es in den ersten sechs Monaten dieses Jahres geschafft, operativ noch ein gutes Stück besser zu werden. Beim Umsatz haben wir fast sechs Prozent zugelegt und auch das operative Ergebnis konnten wir steigern. Die Investitionen, die wir in den DHL-Bereichen, aber auch im Paket-Geschäft in Deutschland getätigt haben, zahlen sich aus. So konnten wir erneut von unserer starken Präsenz in den Wachstumsmärkten insbesondere in Asien profitieren. Gleichzeitig haben wir beim nationalen Paket-Geschäft ein zweistelliges Umsatzwachstum verzeichnet. Und auch für den Rest des Jahres gehen wir von einer anhaltenden Steigerung unseres Geschäfts aus.
Die Konjunktur jedenfalls scheint im Rahmen Ihrer Wachstumsambitionen keine große Hilfe zu sein. Auch im zweiten Quartal hat die wirtschaftliche Entwicklung weltweit nicht angezogen. Hat das Spuren bei Ihnen hinterlassen?
Larry Rosen: Als global agierendes Unternehmen haben wir den Vorteil, Schwächephasen in einem Teil der Welt durch Teilhabe am Wachstum in einem anderen Teil der Welt ausgleichen zu können. Deshalb konnten wir auch im zweiten Quartal in allen Unternehmensbereichen den Umsatz nochmals steigern. Hier profitieren wir ganz klar von unserer überragenden Präsenz in Asien. Aber auch im BRIEF-Bereich hat sich der Trend des Vorquartals fortgesetzt: Die Rückgänge, die wir im Briefgeschäft sehen, sind weiterhin moderat geblieben und konnten, wie geplant, durch ein zweistelliges Umsatzplus im Paket-Geschäft überkompensiert werden. Alles in allem also ein sehr gutes Quartal.
Dennoch ist das Konzern-EBIT im zweiten Quartal zurückgegangen. Was hat es damit auf sich?
Larry Rosen: Tatsächlich ging das ausgewiesene operative Ergebnis des Konzerns um rund drei Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurück - und das, obwohl wir im zweiten Quartal in allen unseren Unternehmensbereichen weitere Fortschritte verzeichnet haben. Das hatten wir so aber bereits erwartet. Der Hauptgrund für den Rückgang war die Umsatzsteuernachzahlung, die das operative Ergebnis des Konzerns in einer Höhe von 181 Millionen Euro belastet hat. Dem stehen allerdings gleichzeitig auch mehrere positive Einmaleffekte gegenüber, die sich vor allem auf das EBIT unseres EXPRESS-Bereichs ausgewirkt haben: Die Auflösungen von Rückstellungen, die wir bereits 2008 für die Restrukturierung unseres US-Geschäfts gebildet hatten, und der Verkauf des inländischen Express-Geschäfts in Australien und Neuseeland, das nicht zu unserem Kerngeschäft zählte. Diese beiden Positionen haben in Summe gut 140 Millionen Euro ausgemacht. Auch wenn sie damit die Belastung aus der Umsatzsteuerrückzahlung nicht vollständig ausgleichen konnten, haben sie den Gewinn bei EXPRESS zweifelsohne wesentlich erhöht. Um - positive wie negative - Einmaleffekte bereinigt wäre das Konzern-EBIT um 8 Prozent gestiegen, bei DHL wäre es ein Plus von 11 Prozent gewesen. Und das operative Ergebnis bei BRIEF hätte 2 Prozent über dem Vorjahresniveau gelegen. Unser Wachstumstrend ist also vollkommen intakt.
Das klingt nach einer starken Performance im operativen Geschäft. Welche Bereiche haben besonders gut geliefert?
Larry Rosen: Wir sind mit dem Beitrag aller Bereiche sehr zufrieden. Besonders erfreulich ist, dass wir auch in diesem Quartal vor allem in unserem DHL-Geschäft einmal mehr von unserer herausragenden Marktposition in den Wachstumsmärkten der Welt, vor allem in Asien, profitieren konnten. Das sehen wir besonders im EXPRESS-Bereich, wo wir in allen Regionen weiter Marktanteile hinzugewonnen haben, oder in unserem SUPPLY CHAIN-Geschäft, wo wir neue Kunden in Australien, Thailand und Indonesien gewinnen konnten. Das alles zeigt: Die Investitionen, die wir in der Vergangenheit in unser weltweites Netzwerk und insbesondere in Asien getätigt haben, zahlen sich immer mehr aus. Wichtig ist mir aber auch: Wir investieren auch weiterhin kräftig, um unsere Marktposition auch in Zukunft ausbauen zu können. So haben wir Anfang Juli innerhalb von wenigen Tagen nicht nur unser neues Nordasien-Drehkreuz in Shanghai eröffnet und damit unser einzigartiges Express-Netzwerk in der Region noch umfassender gemacht. Wir haben fast zeitgleich auch in den beiden anderen Unternehmensbereichen neue, hochmoderne Umschlags- und Distributionszentren in China in Betrieb genommen beziehungsweise den Grundstein dafür gelegt.
Im vergangenen Quartal hatten Sie noch davon gesprochen, dass Sie einige konjunkturelle Bremsspuren im Bereich GLOBAL FORWARDING, FREIGHT sehen. Hat sich daran in den vergangenen Monaten etwas geändert?
Larry Rosen: Klar ist: Die konjunkturelle Entwicklung weltweit bleibt volatil. Das sehen wir unter anderem daran, dass unsere Kunden weiterhin Geschäft von der Luft- auf die Seefracht verlagern. Die Volumina in der Luftfracht sind daher weiterhin leicht rückläufig, vor allem aufgrund sinkender Nachfrage im Technologiebereich. In diesem Umfeld haben wir hart an der Effizienz des Bereichs gearbeitet und gehen die Märkte selektiv an - Klasse statt Masse wenn Sie so wollen. Darüber hinaus haben wir von verbesserten Einkaufskonditionen im Luftfrachtbereich profitiert. Das alles führt dazu, dass wir unsere Bruttomargen in allen Frachtkategorien im ersten Halbjahr steigern konnten. Infolge dessen legen wir im Bereich GLOBAL FORWARDING, FREIGHT bei der Profitabilität derzeit deutlich zu.
Für das BRIEF-Geschäft sieht es aber offenbar nicht ganz so rosig aus. Das operative Ergebnis des Bereichs ist deutlich gesunken. Müssen Sie Ihre Pläne für eine Stabilisierung des Segments nun begraben?
Larry Rosen: Im Gegenteil: Das tatsächliche operative Ergebnis des Bereichs wird völlig von der erheblichen Umsatzsteuernachzahlung verdeckt. Ich habe es bereits erwähnt: Bereinigt um diese Belastung wird klar, dass wir auch hier eine leichte operative Verbesserung im Vergleich zum Vorjahr verzeichnen konnten, und das, obwohl wir seit dem 1. April zusätzliche Kosten für den neuen Tarifvertrag in Deutschland tragen. Zum einen setzt sich der Rückgang im klassischen Brief-Geschäft weiterhin in etwa so fort, wie wir ihn erwartet haben, ungeachtet der Tatsache, dass im zweiten Quartal ein Arbeitstag weniger als im Vorjahr zur Verfügung stand. Zum anderen hält das Wachstumstempo im Paketgeschäft unvermindert an: Im zweiten Quartal konnten wir ein Plus von mehr als 12 Prozent im Paketaufkommen verzeichnen. Vom anhaltenden E-Commerce-Boom profitieren wir also weiter und werden in dieses Geschäft in den nächsten Jahren auch weiterhin stark investieren. Denn wir glauben, dass die Zukunft dieses Geschäfts vor allem darin liegt, die Zustellung von Paketen für unsere Kunden noch einfacher und komfortabler zu machen. Daran arbeiten wir und hier investieren wir.
Dennoch droht auch im Versandhandel Ungemach: Im Juli hat mit Neckermann ein Traditionshaus der Branche Insolvenz angemeldet. Wie stark wird das auf Jahressicht das Ergebnis belasten?
Larry Rosen: Wir beobachten die Entwicklung natürlich aufmerksam und prüfen entsprechende Folgen für uns. Die Bandbreite möglicher Auswirkungen spiegelt sich jedoch bereits in unserer Entscheidung wider, die Ergebnisprognose für unseren BRIEF-Bereich unverändert zu lassen.
Sie haben es gesagt - für den BRIEF-Bereich sind Ihre Erwartungen unverändert. Für den Konzern haben Sie sich etwas optimistischer gezeigt und die Gewinnprognose erhöht. Was macht Sie zuversichtlicher als noch zu Jahresbeginn?
Larry Rosen: Grundsätzlich hat sich an unserer Zuversicht seit Beginn des Jahres nichts geändert. Neben der erfreulichen operativen Entwicklung aller DHL-Bereiche im ersten Halbjahr und unserer Erwartung, dass sich der Wachstumstrend auch im zweiten Halbjahr tendenziell weiter fortsetzen wird, spiegeln sich in der angepassten Prognose vor allem die im zweiten Quartal verbuchten positiven Einmaleffekte im EXPRESS-Bereich wider. Wir gehen deshalb nun davon, aus mit unserer Logistik-Sparte in diesem Jahr ein EBIT von rund 2 Milliarden Euro zu erzielen. Das sind 100 Millionen Euro mehr als wir uns zu Beginn des Jahres zugetraut hatten. Und es wären rund 300 Millionen Euro mehr Gewinn als die drei Divisionen im vergangenen Jahr erwirtschaftet hatten. Ein Beleg für den deutlichen Fortschritt, den unsere Geschäftsbereiche in einem alles andere als einfachen Umfeld gemacht haben. Für den Konzern bedeutet das, dass wir nun mit einem operativen Ergebnis von 2,6 Milliarden Euro bis 2,7 Milliarden Euro rechnen.
Wie sieht es auf der Liquiditätsseite aus? Sie weisen immerhin zum ersten Mal seit 2009 wieder eine Nettoverschuldung aus.
Larry Rosen: Wir hatten in den ersten sechs Monaten dieses Jahres beim Cashflow einige Faktoren zu verarbeiten, die wir so auch erwartet und die letztlich zum Ausweis der Nettoverschuldung geführt haben. Wie in jedem Jahr, hatten wir auch 2012 in den beiden ersten Quartalen jährlich wiederkehrende Effekte zu verzeichnen: da wäre zum einen die im ersten Quartal übliche Vorauszahlung an den Bundes-Pensions-Service für Post und Telekommunikation und die im zweiten Quartal anfallende Dividendenzahlung nach der Hauptversammlung. Hinzu kam in diesem Jahr darüber hinaus die Zahlung der Beihilferückforderung in Höhe von fast 300 Millionen Euro, die wir nach der Entscheidung der EU-Kommission zu leisten hatten. Alles zusammengenommen hatten wir hier Belastungen unserer Nettoliquidität in Höhe von rund 1,7 Milliarden Euro zu verzeichnen. Für das zweite Halbjahr erwarten wir wie üblich eine saisonal starke Cash-Generierung aus unserem operativen Geschäft heraus. Das wird sich entsprechend positiv auf unsere Liquiditätsposition auswirken. Dass unsere Bilanz trotz der genannten Faktoren aber auch heute nach wie vor ausgesprochen solide ist, sehen Sie auch an den attraktiven Konditionen, zu denen wir Anfang Juni unsere zweiteilige Anleihe mit einem Volumen von 1,25 Milliarden Euro am Markt platzieren konnten. Die große Nachfrage unterstreicht das Ansehen, das unser Konzern an den internationalen Kapitalmärkten genießt, und kann zugleich als Anerkennung für unsere verlässliche Finanzstrategie interpretiert werden.